Der diesjährige Sommer bricht alle Rekorde. Nicht nur temperaturmässig sondern auch an der Anzahl der internationalen Turniere. Auch die Schweizer Nati Mannschaften waren dabei. Wie es war? Ein Interview mit Jaïr Levie, Chef Leistungssport, zeigt, dass nicht nur die nackten Resultate zählen.
Ein wettbewerbsintensiver Sommer

Jaïr, der Sommer dieses Jahr war im wahrsten Sinne des Wortes überdurchschnittlich heiss. Auch für unsere Schweizer Nationalmannschaften. Wie hast du diesen Sommer und die ganzen Turniere erlebt? Was waren deine Highlights?
Mir ist diesen Sommer noch deutlicher geworden, was es alles braucht, um Leistungssport zu betreiben. Damit meine ich nicht unbedingt die Resultate, sondern vor allem das Umfeld und die Voraussetzungen, die wir schaffen müssen, damit sich unsere Spielerinnen und Spieler weiterentwickeln können. Einfach ein bisschen etwas machen und dann auf ein gutes Ergebnis hoffen – das reicht nicht. Wir brauchen einen klaren Fokus. Lieber gehen wir etwas richtig an und investieren gezielt darin, als überall ein bisschen mitzumachen. Wenn wir zu viel gleichzeitig wollen, merken wir das irgendwann nicht nur auf dem Platz, sondern auch daran, dass die Abläufe im Hintergrund ins Stocken geraten.
Mein persönliches Highlight war die Teilnahme an der U21-A-EM. Das europäische Spitzenniveau so hautnah zu erleben, ist etwas Besonderes – auch für mich als Hockeyfan & Coach. Es ist schon beeindruckend zu sehen, wie andere Länder ihren Leistungssport aufstellen. Nur ein kleines Beispiel: Deutschland und Belgien waren jeweils mit elf Leuten im Staff da! Da finde ich es schon ziemlich cool, dass wir als kleines Hockeyland mittendrin waren und die Chance hatten, so viel mitzunehmen und zu lernen.
Wenn man sich nur die Resultate anschaut, dann ist es schon eher ernüchternd, oder? Wie siehst du das?
Das hängt stark davon ab, mit welchen Erwartungen man in ein Turnier geht. Und dafür muss man die Ausgangslage realistisch einschätzen.
Bei den Herren war klar, dass der Weg an die A-EM sehr schwierig wird. Dafür hätten wir Kroatien und Schottland schlagen müssen. Gerade gegen Schottland wussten wir angesichts der Kräfteverhältnisse und der Weltrangliste, dass ein Sieg alles andere als selbstverständlich wäre. Dass wir dann schon das erste Spiel gegen Kroatien verloren haben, war natürlich sehr enttäuschend. Die Mannschaft hat sich danach aber mit zwei Siegen gegen die Türkei und Tschechien gut zurückgemeldet.
Bei den Damen war die Situation ähnlich, wobei wir uns im Auftaktspiel gegen die Ukraine durchaus einen Sieg zugetraut hatten. Allerdings gab es in der ohnehin knappen Vorbereitung sehr viele Rückschläge. Dadurch mussten wir kurzfristig mehrere neue Spielerinnen dazunehmen. Die haben ihre Sache übrigens richtig gut gemacht, und wir sind ihnen sehr dankbar, dass sie so spontan eingesprungen sind.
Die U21-Damen waren zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder an einer EM dabei. Dass wir dort überhaupt wieder ein Team mit guter Betreuung hinschicken konnten, war bereits ein wichtiger Schritt. Bis auf ein Spiel hatten sie in jeder Partie die Chance auf einen Sieg oder zumindest ein Unentschieden. Dass es am Ende nicht geklappt hat, ist enttäuschend. Trotzdem war dieses Turnier eine enorm wertvolle Erfahrung.
Die U21-Herren haben gegen Mannschaften deutlich verloren, die uns sportlich klar überlegen sind. Das ist keine Schande und für mich auch kein Grund, von einer riesigen Enttäuschung zu sprechen. Wir hatten nur sechs Spieler dabei, die schon an der WM in Indien mitgespielt hatten. Fünf Spieler hatten sogar noch nie ein Turnier für die Schweiz bestritten. Wenn man das weiss, lassen sich die Resultate besser einordnen.
Das Spiel gegen Österreich hat dagegen richtig wehgetan. Zweimal in Führung zu gehen und dann fünf Minuten vor Schluss noch zu verlieren, ist bitter für die Jungs. Gleichzeitig war ich sehr stolz darauf, wie nah wir an Österreich dran waren. Sie hatten ein starkes Team mit Spielern, die alle auch beim kommenden Junior World Cup noch spielberechtigt sind. Sie haben das gut gemacht, und wir müssen anerkennen, dass wir noch einen Weg vor uns haben.

Und die Teams? Wie war die Stimmung? Gerade bei der U21, wo man eine doch recht tolle WM in Indien hatte und nun an der EM ein 0:6 gegen Frankreich, ein 0:12 gegen Belgien und ein 0:9 gegen Deutschland einstecken muss – zehrt das nicht am Nervenkostüm? Wie hält man die Motivation hoch?
Auch da spielen die Erwartungen eine grosse Rolle. Ich war natürlich nicht bei allen Teams vor Ort. Bei den Herren und Damen weiss ich aber, dass die Enttäuschung nach der ersten Niederlage riesig war. Dass beide Mannschaften danach ihre nächsten zwei Spiele gewonnen haben, zeigt, wie gut sie mit diesem Rückschlag umgegangen sind. Dafür verdienen sie ein grosses Kompliment.
Für Coaches und Spielerinnen und Spieler sind das oft die schwierigsten Momente: Wie bleiben wir zusammen? Welche Ziele setzen wir uns jetzt? Wie richten wir den Blick wieder nach vorne? Jeder Coach hat dafür seinen eigenen Ansatz, und offensichtlich haben beide Teams einen guten Weg gefunden.
Die hohen Niederlagen der U21-Herren muss man, wie gesagt, im Kontext sehen. Gegen Deutschland, den Weltmeister, hatten wir uns beispielsweise vorgenommen, weniger als zehn Gegentore zu kassieren. Das haben wir geschafft. Natürlich jubelt nach einem 0:9 niemand. Aber die Jungs konnten das Ergebnis sehr realistisch einordnen. Diese Fähigkeit gehört für mich auch zum Leistungssport, und die haben sie absolut gezeigt.
Bei den U21-Damen war die Stimmung nach allem, was ich mitbekommen habe, durchgehend gut.
Enttäuschungen gehören zum Leistungssport. Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Coaches ist es, die Gruppe gerade in solchen Momenten zusammenzuhalten und ihr wieder eine Richtung zu geben. Und soweit ich das beurteilen kann, ist ihnen das gelungen.
Welche Learnings nimmst du als Chef Leistungssport aus diesem «heissen Sommer» mit?
Dass wir uns stärker fokussieren müssen. Alles machen zu wollen, ist mit unseren Möglichkeiten schwierig. Wenn wir mit denselben Mitteln immer mehr anbieten, leidet irgendwann die Qualität.
Ich vergleiche das gerne mit einem Abendessen: Du budgetierst einen schönen Abend für zwölf Leute. Du hast einen grossen Tisch, gutes Essen und vielleicht noch etwas Unterhaltung organisiert. Wenn du dann plötzlich 24 Leute einlädst, fehlen der Hälfte die Stühle, das Essen reicht nicht, und einige müssen sich auf dem Heimweg noch etwas zu essen holen.
Lädst du mit demselben Budget dagegen acht Leute ein, ist für alle mehr als genug da. Vielleicht reicht es sogar noch für eine kleine Band. Oder du gibst allen ein Kochbuch mit, damit sie zu Hause selbst ausprobieren können, was sie an diesem Abend kennengelernt haben.
So ähnlich ist es bei uns im Leistungssport. Wir versuchen sehr viel und stecken enorm viel Zeit und Energie hinein. Trotzdem kommt dabei nicht immer das heraus, was wir uns erhoffen – weder auf dem Platz noch in unseren Abläufen. Manchmal geht schlicht zu viel schief, weil wir zu viel gleichzeitig stemmen wollen. Deshalb müssen wir bewusster entscheiden, wo wir unsere Mittel einsetzen und was wir wirklich gut machen können.
Nach einem Turnier ist bekanntlich vor einem Turnier. Was steht als Nächstes an, und wie bereitest du die Nationalmannschaften darauf vor?
Als Nächstes stehen die U21-Hallen-Europameisterschaften an. Die Jungs werden in Kroatien ihren Titel verteidigen, und auch die U21-Damen wollen mit einem besseren Ergebnis als beim letzten Mal in die Schweiz zurückkehren.
Danach richtet sich der Fokus wieder aufs Feld. Mitte Juli wartet mit der Heim-EM unserer U18-Girls in Zürich ein echtes Highlight auf uns. Darauf freuen wir uns alle riesig. Die U18-Boys spielen ihre EM in Wien und wollen dort um die Medaillen mitkämpfen.
Ende August folgen dann die B-Europameisterschaften unserer Damen und Herren. Da steht einiges auf dem Spiel: Wer die Meisterschaft gewinnt, steigt direkt an die A-EM 2029 in Amsterdam auf. Und genau das ist unser Ziel!
Für die Vorbereitung gilt dabei das, was ich aus diesem Sommer mitnehme: klare Prioritäten setzen und mit unseren Möglichkeiten die bestmöglichen Voraussetzungen für die Teams schaffen.
Danke Dir Jaïr für Deine Perspektiven. Wir wünschen den Nationalmannschaften und Dir eine gute Vorbereitungszeit.

