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Unsere Schiedsrichter im Blick: Julia Wagner

«Besonders schön finde ich die internationalen Einsätze. Man lernt viele neue Menschen kennen, reist in andere Länder und sammelt Erfahrungen, die man sonst wahrscheinlich nie machen würde.»  

Swiss Hockey: Julia, Danke dass Du Dir die Zeit für uns nimmst. Du bist als Schiedsrichterin für Swiss Hockey tätig. Wie lange machst Du das schon?

Julia: Ich pfeife schon seit meiner Kindheit. Angefangen habe ich zuerst nur vereinzelt in meinem Club. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass mir das Schiedsrichtern wirklich Spass macht und dass ich mich darin weiterentwickeln möchte.

Ab ungefähr 17 Jahren durfte ich dann für RWW pfeifen. Weil ich gerne mehr Spiele machen und mich weiterentwickeln wollte, pfeife ich seit Anfang 2024 als neutrale Schiedsrichterin für Swiss Hockey. Mittlerweile bin ich 21 Jahre alt.

Swiss Hockey: Das ist wirklich eine lange Karriere schon. Wie bist Du zum Schiedsrichtern gekommen? Wie alt warst Du, als Du das erste mal die Pfeife in der Hand hattest?

Julia: Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich angefangen habe. Meine Eltern haben damals gesagt, dass zum Hockey nicht nur das Spielen gehört, sondern dass man auch etwas für den Sport zurückgeben soll. Sie fanden es wichtig, dass ich beide Seiten des Spiels kennenlerne. Mein erstes Spiel war bei der U8 und mein Vater war damals noch mit mir auf dem Platz. Ganz ehrlich: Am Anfang war natürlich auch das Taschengeld ein kleiner Anreiz. Mit der Zeit hat mir das Schiedsrichtern aber immer mehr Spass gemacht. Irgendwann habe ich sogar gemerkt, dass ich teilweise lieber gepfiffen habe, als selber zu spielen.

Swiss Hockey: Und was fasziniert Dich denn am Schiedsrichtern? Warum machst Du das?

Julia: Ich finde es schön, dass man als Schiedsrichterin einen wichtigen Teil dazu beiträgt, dass ein Spiel überhaupt stattfinden kann. Ohne Schiedsrichter funktioniert der Sport einfach nicht. Gleichzeitig gefällt mir auch die Herausforderung. Man muss schnell Entscheidungen treffen, körperlich fit sein und auch in schwierigen Situationen ruhig bleiben. Oft hat man nur wenige Sekunden Zeit und muss trotzdem entscheiden und danach auch hinter dieser Entscheidung stehen.

Ich habe durch das Schiedsrichtern auch viel über mich selber gelernt. Zum Beispiel, wie ich mit Druck umgehe oder wie ich reagiere, wenn jemand mit meiner Entscheidung nicht einverstanden ist. Besonders schön finde ich die internationalen Einsätze. Man lernt viele neue Menschen kennen, reist in andere Länder und sammelt Erfahrungen, die man sonst wahrscheinlich nie machen würde.

Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass es nicht immer einfach ist. Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich mir gewisse Situationen wirklich weiterhin antun möchte. Das gehört für mich genauso dazu.

Swiss Hockey: Kannst Du uns sagen, was denn so Eure Erlebnisse auf dem Platz sind? Wir hören und sehen immer wieder viele negative Zwischenrufe bis hin zu heftigen Worten – von Spielern, Coaches, Fans … Was macht das mit Euch?

Julia: Ich habe auf dem Platz schon einiges erlebt. Ich wurde angeschrien, ausgepfiffen und beleidigt. Es gab sogar einmal eine Situation, in der versucht wurde, mich körperlich anzugreifen. Natürlich geht so etwas nicht einfach an einem vorbei. Vor allem wenn es nicht mehr um eine Entscheidung geht, sondern persönlich wird, beschäftigt mich das schon. Was viele von aussen vielleicht vergessen: Wir haben auf dem Platz oft einen ganz anderen Blickwinkel. Manchmal entscheiden wirklich nur wenige Zentimeter darüber, was man sieht oder eben nicht sieht. Ich versuche mir deshalb immer wieder bewusst zu machen, warum ich dort stehe. Ich möchte mein Bestes geben, fair und neutral entscheiden und dazu beitragen, dass das Spiel gut und sicher läuft. Zum Glück gibt es aber auch Menschen, die unsere Arbeit respektieren und schätzen.

Swiss Hockey: Körperlich angreifen, das geht nun wirklich nicht …wir sind nun doch etwas sprachlos Julia … Wie motivierst Du Dich doch zum nächsten Spiel anzutreten und das Spiel zu leiten?

Julia: Mir hilft vor allem die Unterstützung von meiner Familie und meinen Freunden. Wenn ein Spiel schwierig war oder etwas passiert ist, kann ich mit ihnen darüber sprechen. Sehr wichtig ist für mich auch ehrliches und konstruktives Feedback. Gerade bei internationalen Turnieren bekommt man teilweise sehr direkt gesagt, was gut war und woran man noch arbeiten muss. Das hilft mir viel mehr als einfach nur zu hören, dass alles gut war. Solches Feedback zeigt mir, wo ich stehe und dass ich mich weiterentwickeln kann. Ich bin ausserdem ziemlich ehrgeizig. Wenn ich merke, dass ich Fortschritte mache und noch etwas erreichen kann, motiviert mich das immer wieder für das nächste Spiel.

Swiss Hockey: Gibt es auch Erlebnisse, wo Dich positiv überrascht / Freude bereitet? An welche highlights in Deiner Schiedsrichter Karriere denkst Du gerne zurück?

Julia: Ja, zum Glück gibt es auch sehr viele schöne Momente. Ich freue mich zum Beispiel immer, wenn Spieler nach einem Spiel zu mir kommen und sich bedanken oder sagen, dass sie meine Leistung gut fanden. Solche Momente bleiben einem wirklich im Kopf, weil man merkt, dass die eigene Arbeit wahrgenommen wird.

Eine Situation ist mir besonders geblieben. Bei einem Final-Four-Spiel um Platz 3 habe ich in einer wichtigen Situation einen Vorteil laufen lassen. Daraus ist direkt ein Tor entstanden. Danach kam der Torhüter der Mannschaft zu mir und wollte mich abklatschen, weil er den Vorteil gut fand.

Natürlich konnte ich in diesem Moment nicht wirklich darauf eingehen, weil ich neutral bleiben muss. Aber innerlich habe ich mich sehr darüber gefreut. Es war auch für mich selber ein schönes Gefühl, weil ich gemerkt habe, dass ich die Situation gut erkannt und richtig laufen gelassen hatte.

Ein anderes Erlebnis, das mir geblieben ist, war bei einem internationalen Turnier. Dort kamen zwei schottische Coaches zu mir und haben mir ausdrücklich gesagt, dass sie meine Leistung sehr gut fanden. Auch die vielen Bekanntschaften, die man international macht, gehören für mich zu den Highlights. Bei einem Turnier verbringt man oft mehrere Tage zusammen und lernt Menschen aus ganz verschiedenen Ländern kennen.

Swiss Hockey: Du pfeifst ja auch auf internationaler Ebene. Wie sind hier so Deine Erfahrungen mit dem Schiedsrichtern in der EHL?

Julia: Ich selber habe bisher noch keine EHL-Spiele gepfiffen. Diese Ehre hatte bei Swiss Hockey bis jetzt nur Benj. Ich durfte aber bereits andere internationale Erfahrungen sammeln. Ich habe sowohl Indoor als auch Outdoor internationale Trophy-Spiele mit Schweizer Damenmannschaften gepfiffen. Ausserdem war ich bei der Damen-EM 2 in Gniezno und bei der U21-EM 2 in Wien im Einsatz.

Für mich ist der Unterschied zur Schweiz schon spürbar. International habe ich oft das Gefühl, dass Schiedsrichter stärker respektiert werden. Natürlich ist auch dort nicht immer alles perfekt, aber der Umgang ist häufig professioneller. Auch das Spiel selber ist schneller und das Niveau höher. Man merkt, dass alle auf dem Platz genau wissen, was sie machen. Was mir international besonders gefällt, ist das Schiedsrichterteam. Bei einem Turnier verbringt man viel Zeit miteinander, analysiert gemeinsam Spiele und lebt teilweise mehrere Tage zusammen. Dadurch wächst man als Gruppe viel stärker zusammen.

Swiss Hockey: Viele Sportverbände haben ein Mangel an guten Schiedsrichtern. Aus Deiner Erfahrung heraus, was können Swiss Hockey und die Clubs machen, um mehr qualifizierte Schiedsrichter zu bekommen?

Julia: Ich glaube, ein grosses Problem ist das Image des Schiedsrichterns. Oft ist es einfach selbstverständlich, dass jemand da ist und pfeift. Viele sehen aber gar nicht, wie viel Zeit, Vorbereitung, Verantwortung und auch mentale Belastung dahinterstecken. Ich finde deshalb, dass Schiedsrichter viel sichtbarer gemacht werden sollten. Es sollte nicht immer nur um die Spieler gehen. Gerade Jugendliche müssen auch sehen, was das Schiedsrichtern alles bieten kann.

Sehr wichtig finde ich auch die Ausbildung und Betreuung. Man kann einem jungen Schiedsrichter nicht einfach eine Pfeife in die Hand drücken und sagen: „Mach mal.“ Gerade am Anfang braucht es erfahrene Personen, die einen begleiten, Spiele anschauen und Feedback geben. Aber auch bestehende Schiedsrichter sollten weitergebildet werden. Man kann sich beim Regelwissen, bei der Kommunikation, beim Auftreten oder im Umgang mit schwierigen Situationen immer weiterentwickeln.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit Schiedsrichtern. Spieler, Coaches und Zuschauer müssen sich bewusst sein, dass auch wir Fehler machen können. Ich glaube auch, dass viele Diskussionen entstehen, weil die Regeln gar nicht richtig bekannt sind. Wenn man junge Schiedsrichter gewinnen und auch behalten möchte, müssen sie merken, dass sie unterstützt, ausgebildet und geschützt werden.

Swiss Hockey: Kannst Du sonst noch Tipps geben für junge SpielerInnen, die SchiedsrichterIn werden wollen? Wie fangen sie da am besten an?

Julia: Mein wichtigster Tipp wäre: Einfach ausprobieren. Am Anfang weiss man natürlich noch nicht alles und man wird Fehler machen. Das gehört dazu. Ich finde es sehr hilfreich, wenn man am Anfang mit einem erfahrenen Schiedsrichter pfeifen kann oder jemanden hat, den man fragen kann.

Man sollte offen für Feedback sein und versuchen, aus jedem Spiel etwas mitzunehmen. Gleichzeitig muss man lernen, nicht jede Aussage persönlich zu nehmen. Das ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Punkte. Aber wenn man Spass daran hat, sollte man dranbleiben. Das Schiedsrichtern kann einem unglaublich viele Möglichkeiten geben. Gerade in der Schweiz kann man auch relativ schnell Erfahrungen auf einem höheren Niveau sammeln und später vielleicht sogar international pfeifen. Man lernt neue Menschen kennen, reist und erlebt sehr viel. Deshalb würde ich wirklich sagen: Probiert es aus.

Swiss Hockey: Und für Dich selber? Was sind so Deine Pläne als Schiedsrichterin für Swiss Hockey?

Julia: Das ist für mich im Moment gar nicht so einfach zu beantworten. International weiterzukommen war lange ein klares Ziel von mir und grundsätzlich reizt mich das immer noch. Gleichzeitig bin ich aber gerade in einer Phase, in der auch meine Ausbildung sehr wichtig ist. Ich mache momentan meine Berufsmaturität und möchte danach studieren. Das braucht natürlich ebenfalls viel Zeit und Energie.

Deshalb möchte ich mir im Moment nicht den Druck machen und sagen, dass ich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt etwas Bestimmtes erreichen muss. Wenn ich die Möglichkeit habe, mich international weiterzuentwickeln und das mit meiner Ausbildung und später meinem Studium vereinbaren kann, würde ich diesen Weg gerne weitergehen.

Für mich ist aber auch wichtig, dass mir das Schiedsrichtern weiterhin Freude macht. Wenn der Spass irgendwann komplett weg ist, bringt es für mich auch nichts, nur wegen irgendeinem Ziel weiterzumachen.

Swiss Hockey: Vielen Dank Julia. Das war wirklich ein spannendes Gespräch. Wir wünschen Dir daher vor allem nur eins: Viel Spass beim Schiedsrichtern und bei allem was Du noch so vorhast.