Swiss Hockey: Die U21 Boys in Indien, die Damen an der WCQ in Chile – kann man das noch toppen Jair?
Jair: Natürlich hoffen wir immer, dass die nächsten Kapitel noch schöner werden als die letzten. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, wie speziell diese beiden Ereignisse waren. Eine U21-Weltmeisterschaft in Indien erlebt man nicht jedes Jahr, und die Damen haben sich in Chile mit starken Leistungen auf internationaler Bühne präsentiert. Gleichzeitig sollten wir aber auch die Hallensaison nicht vergessen. Sowohl unsere Damen als auch unsere Herren haben sich zum dritten Mal in Folge für die A-Europameisterschaft qualifiziert. Das sind ebenfalls absolute Top-Leistungen für ein kleines Hockeyland wie die Schweiz.
Vielleicht ist es sogar ein schönes Zeichen, dass solche Erfolge mittlerweile fast schon als selbstverständlich wahrgenommen werden. Vor einigen Jahren wären solche Resultate noch echte Sensationen gewesen. Heute sprechen wir darüber, was als Nächstes kommt. Das zeigt, dass sich Swiss Hockey in den letzten Jahren nachhaltig weiterentwickelt hat und unsere Nationalteams international immer konkurrenzfähiger werden.
Für mich geht es deshalb nicht darum, einzelne Highlights miteinander zu vergleichen. Viel wichtiger ist, dass wir als Verband Schritt für Schritt vorwärtsgehen. Wenn unsere Nationalteams regelmässig an grossen internationalen Turnieren teilnehmen, konkurrenzfähig sind und junge Spielerinnen und Spieler den Sprung auf dieses Niveau schaffen, dann machen wir Vieles richtig. Die schönsten Momente liegen hoffentlich noch vor uns.
Swiss Hockey: Mitte Juli stehen die EuroHockey Qualifier Turniere für die Männer und die Damen an. Wer sind unsere Gegner? Was ist das Ziel? Und wie schätzt Du unsere Chancen hier ein?
Jair: Die Damen spielen in Prag gegen Ukraine und im zweiten Spiel Polen/Kroatien. Die Männer treffen in Rom auf Kroatien und im zweiten Spiel Schottland/Türkei. Der Gegner im dritten Spiel hängt von den Resultaten der ersten beiden Partien ab.
Unser Ziel ist klar: Wir wollen den Aufstieg in die A-Division schaffen. Das ist in diesem Jahr besonders attraktiv, weil die EuroHockey Championship ab 2027 von acht auf zwölf Nationen erweitert wird. Die beiden Finalisten jedes Qualifikationsturniers qualifizieren sich direkt für die A-Europameisterschaft 2027 in London. Wer die ersten beiden Spiele gewinnt, steht bereits im Finale und hat den Aufstieg geschafft. Deshalb liegt unser Fokus ganz klar auf die ersten zwei Spielen gewinnen!.
Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben. Nationen wie Schottland, Polen, Tschechien, oder Österreich investieren deutlich mehr in ihre Nationalprogramme und haben mehrere Touchpoints, als wir das aktuell können. Wir konnten dieses Mal nur ein sehr kleines Vorbereitungsprogramm organisieren, was natürlich nicht die optimale Vorbereitung ist.
Aber jedes Spiel beginnt bei 0:0 und in 60 Minuten kann vieles passieren.. Wir haben talentierte Mannschaften, gute Staffteams, eine klare Spielidee und eine Gruppe von Spielerinnen und Spielern, die bereit ist, alles für die Schweiz zu geben. Wenn wir unser Niveau abrufen und als Team funktionieren, können wir jede Nation vor grosse Probleme stellen. Genau mit diesem Selbstverständnis reisen wir an.
Swiss Hockey: Zwei Wochen später sind dann die U21 Boys und Girls an den EuroHockey Championships dran. Auch hier die gleichen Fragen: Gegen wen treten wir an? Und wie schätzt Du unsere Chancen ein?
Jair: Bei den U21 Boys ist die Ausgangslage eine ganz andere als bei den U21 Girls. Unsere Jungs messen sich in Valencia mit der absoluten europäischen Spitze. In einer Gruppe mit Deutschland, Belgien und Frankreich wartet enorm viel Qualität auf uns. Deutschland hat erst vor wenigen Monaten die Junioren-Weltmeisterschaft in Indien gewonnen, Belgien und Frankreich gehören seit Jahren zur europäischen Elite.
Wir haben uns diesen Platz allerdings selbst verdient, indem wir vor zwei Jahren die B-Europameisterschaft in Lausanne gewonnen und den Aufstieg geschafft haben. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir auf dieses Niveau gehören. Einfach wird das sicherlich nicht, aber genau solche Spiele sind unglaublich wertvoll für die Entwicklung unserer Spieler. Unser Ziel ist es, im Turnier zu wachsen, konkurrenzfähig aufzutreten und am Ende zu schauen, ob wir erneut um ein Ticket für die nächste Junioren-Weltmeisterschaft mitspielen können.
Bei den U21 Girls sieht die Situation etwas anders aus. Nach mehreren Jahren Abwesenheit haben wir wieder ein Team für die Europameisterschaft gemeldet. Die Mannschaft trifft auf Österreich, Polen, Tschechien und die Türkei. Hier müssen wir zunächst sehen, wo wir im internationalen Vergleich genau stehen.
Die neue Staff unter der Leitung von Bas de van der Schueren und Jasper Härtsch arbeitet bereits intensiv daran, eine starke Mannschaft zu formen. Das Ziel ist, um die Medaillenplätze mitzuspielen. Noch wichtiger ist jedoch, dass unsere Spielerinnen wertvolle internationale Erfahrung sammeln. Wenn wir die positive Entwicklung unseres Damen-Nationalteams langfristig fortsetzen wollen, brauchen wir junge Spielerinnen, die auf diesem Niveau Erfahrungen sammeln und mittelfristig den Schritt in die Aktivnationalmannschaft schaffen können. Genau dafür sind solche Turniere enorm wichtig.
Swiss Hockey: Wir haben ja noch etwas Zeit bis zu den Turnieren. Wie laufen so die Vorbereitungen? Wie sieht so ein Vorbereitungszyklus aus? Wo setzt Du die Akzente?
Jair: Die Vorbereitungen bei den Damen und Herren sind in diesem Jahr aufgrund unserer Möglichkeiten natürlich etwas eingeschränkt – ausser man zählt die Weltmeisterschafts-Qualifikation der Damen in Santiago bereits als Vorbereitungsturnier dazu. 😉
Zwischen Ostern und Pfingsten haben wir Montagabend-Trainings auf den Anlagen in Wettingen, Luzern und Olten durchgeführt. Parallel dazu haben sich in Lausanne, kleinere Gruppen von Spielerinnen und Spielern aus verschiedenen Nationalteams zu zusätzlichen Einheiten getroffen.
Ende Juni folgen dann für die Herren & Damen, als auch die U21 Herren & U21 Damen, die entscheidenden Vorbereitungswochenenden, an denen auch die definitiven Kader für die Europameisterschaften bekanntgegeben werden.
- Damen: 19.-21 Juni: Trainingslehrgang in Luzern
- U21 Damen: 27.-28.6: Trainingslehrgang in Wettingen
- Herren: 26.-28.6: Testseries vs. Italien in Luzern
- U21 Herren: 26.-8.6: Trainingslehrgang in Luzern
Anschliessend reisen die Herren & Damen Teams nach Prag zur neu lancierten Alps Cup. Vom 2. bis 5. Juli treffen wir dort auf Polen, Kroatien, Tschechien und Österreich. Frankreich und Italien konnten dieses Jahr leider nicht teilnehmen, wir hoffen aber, dass das Teilnehmerfeld in den kommenden Jahren weiter wächst.
Nach dem Alps Cup bleiben die Damen direkt in Prag für ihre EuroHockey Qualifier, während die Herren nach Rom weiterreisen.
Von 16.-19. Juli übernehmen dann die U21-Teams. Die U21 Girls absolvieren eine Testserie in Frankreich, während die U21 Boys ein letztes Vorbereitungswochenende in Luzern nutzen, um an den letzten Details für die Europameisterschaft zu arbeiten.
Am 24. Juli reisen beide Mannschaften zu ihren Turnierorten – die U21 Damen nach Wien, die U21 Herren nach Valencia – wo vom 26. Juli bis 1. August die EuroHockey Championships stattfinden.
Der Schwerpunkt in allen Teams liegt dabei nicht nur auf taktischen Inhalten, sondern auch auf Teamentwicklung und einer klaren Spielidentität. Gerade weil unsere gemeinsame Trainingszeit begrenzt ist, müssen wir jede Einheit möglichst effizient nutzen und sicherstellen, dass alle wissen, wie wir auftreten und wofür wir als Schweizer Nationalteams stehen wollen.
Swiss Hockey: Thun ist Schweizer Meister geworden. Der FC Elversberg (ein Dorfclub in Deutschland mit ca. 13’000 Einwohnern) hat sensationell den Aufstieg in die 1. Liga geschafft. Was wollen wir mit unserer Nati schaffen?
Jair: Solche Geschichten zeigen, dass Grösse allein nicht über Erfolg entscheidet. Entscheidend sind eine klare Vision, harte Arbeit, Kontinuität und Menschen, die gemeinsam an etwas glauben.
Genau das wollen wir auch mit Swiss Hockey erreichen. Wir wissen, dass wir im Vergleich zu vielen anderen Nationen ein kleines Land und eine kleine Hockeygemeinschaft sind. Aber wir wollen zeigen, dass man mit Leidenschaft, guter Ausbildung und einer starken Kultur trotzdem Grosses erreichen kann.
Unser Ziel ist es nicht nur, einzelne gute Resultate zu erzielen. Wir wollen ein nachhaltiges Nationalteam-Programm aufbauen, auf das die gesamte Hockeyfamilie stolz sein kann. Ein Umfeld, in dem junge Spielerinnen und Spieler davon träumen, für die Schweiz aufzulaufen, und in dem die Nationalteams als Vorbilder für den ganzen Sport dienen.
Oder anders gesagt: Wir wollen das Schweizer Hockey Jahr für Jahr stärker hinterlassen, als wir es vorgefunden haben. Legacy through Effort.